A Biker's X-Mas Tale

- Weihnachten bei den Death Raiders -

 

Der Sturm, der draußen vor der Hütte wütet, ist der Leiseste, den er jemals bewusst wahrgenommen hat. Als hätte er dämmende Kopfhörer auf, die die dichten Schneeflocken vor dem Fenster wie Schneefall auf einem Bildschirm wirken lassen. Wären da nur nicht seine lärmenden, brüllenden Brüder im Inneren der Holzhütte und das kontinuierliche Pfeifen des eisigen Windes, der gewaltvoll in die Hütte möchte. Missmutig verschränkt Chad die Arme vor der gefütterten Lederjacke und verengt den Blick nachdenklich. Egal wohin er sieht, vor ihm befindet sich eine weiße Wand, nur manchmal durchbrochen durch die Tannenbäume, die wie fette, schwarze Zahnstocher in den Himmel stoßen.

    „He! Nomad, was ist los? Erwartest du noch jemanden?" Blake Dillon, der Vizepräsident des Oregon Chapters, brüllt durch die Hütte. Er nimmt im Vergleich zu allen anderen wohl den meisten Platz ein, denn er ist ein Hüne von einem Biker, bestimmt an die zwei Meter groß. Dagegen wirkt sein finster dreinblickender Präsident Nash winzig. Neben den beiden befinden sich noch Ronan und Ezra in der gemütlichen Unterkunft. Was die zwei Brüder aus Nevada hier zu suchen haben, ist ihm nicht ganz klar. Irgendwas mit einem Weihnachtsbaum, den sie hier fällen und in den Spielestaat bringen wollen, weil Ezras Old Lady darauf besteht. Blake arbeitet nebenbei in einem Sägewerk und kennt angeblich die besten Spots, um ohne Folgekosten an eine stattliche Tanne zu kommen. Vielleicht war es aber auch nur eine Ausrede der Nevada Brüder, um mal wieder von ihren Frauen wegzukommen.

Und Chad? Er war eigentlich nur auf der Durchreise, wollte ein oder zwei Tage im Oregon Chapter bleiben und dann weiterziehen. So, wie er es als Nomad bei den Death Raiders liebt. Das ist das einzige Leben, das er führen will, egal wie sehr er es genießt ein paar ruhige Momente im Kreis seiner Brüder zu verbringen. Es war nur der Tatsache geschuldet, dass er hier auf seine Brüder aus dem Nevada Chapter stieß, dass er sich überreden ließ, die Tour in die Wälder mitzumachen, obwohl die Wetteraussichten alles andere als prickelnd waren. „Da kommt nix runter. Ich hab das im Urin!", hört er noch immer den kleingewachsenen Präsident des Oregon Chapters blöken. Von wegen. Kaum hatten sie einen Fuß in den Wald gesetzt, hatte der Schnee angefangen. In fetten, murmelgroßen Flocken, die zunächst noch amüsant waren, doch je zahlreicher und schneller sie wurden, umso mehr bestätigte sich seine Befürchtung. Nur, weil das Gebiet bei Blake bekannt ist, schafften sie es rechtzeitig in eine kleine, verlassene Forsthütte. Ezra, Blake und Nash waren bis eben noch beschäftigt Feuer in dem steinernen Kamin zu entflammen, während Chad am Fenster stand und nach draußen sah.

Als er jetzt über seine Schulter zu Blake zurückblickt, fällt ihm auf, dass das Feuer bereits knisternd brennt und der Rest es sich auf der Sitzecke gemütlich gemacht hat. Irgendein billiger, alter Fusel wird von einem zum Nächsten gereicht.

„Ja, Mann, mach’s dir bequem, verflucht! Ihr Nomads habt’s nicht so mit der Höflichkeit, wenn ihr in unsere Hallen kommt, was?" Nash legt die Schnee und Matsch beschmutzten Bikerboots auf den massiven Couchtisch vor ihm ab und wirft ihm einem Blick zu, der im Grunde keine Widerworte duldet. Es ist nicht zu ändern. Mit einem letzten Blick in das Chaos vor der Holzhütte gibt er sein Vorhaben auf, sich doch nach draußen zu kämpfen, wo irgendwo die Pick-up Trucks an der Straße stehen. Widerwillig zieht er die Lederjacke aus, behält die Beanie Mütze jedoch auf dem Kopf, als er sich neben Ezra auf die, mit Lammfell bedeckte, Couch fallen lässt. Vor ihm sitzen Blake und Ronan. Doch es ist schließlich Blake, dessen neugieriger Blick auf seinen Unterarm fällt. Der Hüne trinkt einen Schluck aus der Flasche, die verdächtig nach Whiskey aussieht und nickt zu ihm hinüber.

    „Wer ist die Eisprinzessin?"

    Wie automatisch streichen Chads Finger über die Tätowierung auf seinem Unterarm, die unverkennbar das Gesicht einer hübschen Frau darstellt. Er zieht gequält den Mundwinkel in die Höhe und nimmt die Whiskeyflasche entgegen. Auch die anderen sind still geworden und warten auf seine Antwort.

    „Sie ist … ’n Engel. Könnte man sagen."

    „Oh ja, sie sieht verflucht noch mal aus wie ’n Engel. So einer, wie ihn die Jungs in der Werkstatt am Spind hängen haben." Ezra späht zu der Tätowierung herüber und hebt anzüglich die dichten, grau-weißen Augenbrauen. Chad muss bei seinem Anblick unwillkürlich an die Reinkarnation des Weihnachtsmanns höchstpersönlich denken. Wenn auch eine ziemlich versaute Version davon.

    „Das Wesen gibt’s wirklich?" Nash sieht ebenfalls her, mustert das Bild der Frau eingehend. Schließend hebt er zweifelnd den Blick. „Bist du dir sicher, dass du die Kleine nicht nur ein einem deiner feuchten Träumen siehst?"

    „Sicher bin ich mir nicht, nein." Chad lächelt und trinkt einen erneuten Schluck. Der brennende Alkohol wärmt den Magen und schmeckt nach altem Holz voller Geschichte. Zusammen mit dem Geruch der glimmernden Scheite und das Knacken und Knistern der gierigen Flammen, ist die gesamte Situation beinahe zu kitschig, um wahr zu sein. Nicht, dass ihm der Gedanke nicht bekannt vorkommt.

    „Scheiße, Nomad, jetzt lass dich nicht so feiern. Es ist verflucht kalt da draußen und wir könnten ’n paar heiße Gedanken hier drinnen gebrauchen, wenn du mich fragst", brummt Nash ungeduldig, als wäre er es nicht gewohnt lange hingehalten zu werden.

    „Schön." Chad seufzt. „Bin mir aber nicht sicher, ob euch bei der Geschichte wirklich warm wird, denn sie beginnt mit dem eisigen, arschkalten Dreckswetter, das wir auch da draußen haben."

    „Du wirst schon ’n paar wärmende Details einfügen." Blake schmunzelt und drückt sich tiefer in den Sessel, die Beine dabei lässig übereinandergeschlagen.

    Draußen heult noch einmal laut der Wind und lässt die Tür in den Scharnieren vibrieren. Das Feuer frisst sich ein letztes Mal geräuschvoll in die Holzscheite und nur einen Herzschlag später befindet sich Chad in einer anderen Zeit. Gefühlt sogar in einer anderen Welt.

 

 

Er traf sie am ersten Todestag seines alten Herren. Der Bastard hatte ihm mit seinem Ableben nicht nur den Heiligen Abend versaut, sondern ihm zudem auch den Glauben an das Gute in dieser Welt genommen. Seitdem ist er sich sicher, dass irgendwo jemand sitzt, der die Strippen in den Händen hält und nach Lust und Laune Menschen nimmt und gibt, bis zur maximal schmerzhaften Grenze. Chad hat diesen Punkt der Schmerzen bereits überschritten und befindet sich in einem Zustand anhaltender Taubheit. Er hasst das Leben, jedes einzelne Wesen darin, das mehr Glück hat als er. Und das sind einige.

    Sein Leben lang war er schon auf der Suche. Wonach lernte er erst, als er es fand. Und man es ihm wieder nahm. Er kannte seinen alten Herren nicht, wollte ihn nicht einmal kennen, weil er ihn für einen verantwortungslosen Mistkerl hielt. Dass sein Vater nichts von seiner Existenz wusste und schließlich ihn fand, hatte Chad nicht in Erwägung gezogen. Doch ein paar Tage vor Weihnachten fuhr er tatsächlich mit dem Bike nach Montana, um den Heiligen Abend mit seinem Dad zu verbringen.

    Man gab ihnen zwei gottverdammte Tage.

    Sein Vater brach beim Abendessen zusammen. Als sie das Krankenhaus erreichten, hatte sein Herz bereits sämtliches Leben im Körper zum Erliegen gebracht. Wie ein alter Motor. Nur, dass man diesen unter Garantie nie wieder zum Laufen bringen würde. Die ersten Monate danach war Chad schlichtweg fassungslos gewesen. Als er es allmählich begriff, wechselte Fassungslosigkeit von Wut zu Resignation. Das Leben war ein großer Haufen Scheiße, aus dem man einfach nicht herauskam, egal wie sehr man es versuchte. Daraufhin verlor er sich erst Recht in den Straßen Amerikas. Heizte über verlassene Highways, entlang der Pazifikküste oder durch die dunklen Wälder des Nordens. Immer auf der Suche nach dem Sinn. Auf der Suche nach etwas, was er glaubte in seinem Vater wiederzufinden.

    Exakt ein Jahr später sitzt er am Heiligen Abend in einem verkommenen Motel, in den Händen eine Wodkaflasche und vor der Nase einen wilden Schneesturm, der die Flocken geräuschlos gegen die Glasscheibe klatschen lässt. Mit leerem Blick starrt er nach draußen in die trostlose Umgebung. Die Straße vor dem Motel ist schneebedeckt, sodass man kaum Konturen erkennt. Der Blick reicht gerade bis zum fluoreszierenden Motelschild, das durch einen kaum durchdringbaren Nebel aus dichten Schneeflocken hindurchschimmert. Es ist, als würde die Welt den Atem anhalten, bis das Wetter wieder gnädiger wird. Aussitzen, abwarten, ja, das kann diese Welt tatsächlich am besten, denkt er, schnaubt verächtlich auf und schüttelt leicht den Kopf. Wie er dieses Leben hasst.

    In der Bewegung fängt plötzlich ein Farbkleks seine Aufmerksamkeit. Beinahe glaubt er, sich zu irren, doch beim genaueren Hinsehen ist er wirklich da. Inmitten der weißen Unendlichkeit des verlassenen Motelparkplatzes sieht er dort etwas Rotes schimmern. Etwas, das sich in dem starken Sturm bewegt. Als er sich erhebt und zu dem Fenster läuft, begreift er, dass es ein Stück Stoff ist, das im Wind hin und her gerissen wird. Er presst die Nase an die Scheibe, sodass sein eigener Atem dort zu sehen ist. Liegt da ein Mensch?

    Von der Kontur aus könnte das sein, auch der rote Stofffetzen passt dazu. Chad zögert einen Moment, überlegt ernsthaft dem Wesen sich selbst zu überlassen. Selbst dran schuld, wenn man bei dem Scheißwetter das Haus verlässt. Tragödien passieren. Warum sollte es anderen besser ergehen als mir?

    Aber schlussendlich kann er es nicht. Vielleicht, weil die Alternative sich heute hier zu Tode zu saufen oder dem Tod seines Vaters irgendwie eine Bedeutung zu geben, wäre. Was ihm genau den Ruck gibt, kann er nicht sagen. Er weiß nur, dass er irgendwann zu seiner gefütterten Lederjacke mit der angenähten Death Raiders Kutte greift, sich die Mütze über den Kopf zieht und mit einem Brummen die Tür aufstemmt. Draußen herrschen Naturgewalten. Sie erfrieren, zerreißen und greifen mit ihren eiskalten Krallen nach allem, was sie bekommen. Mit den Bikerstiefeln stampft er zielstrebig nach vorn, kommt bei jedem zweiten Schritt durch den starken Wind ins Straucheln. Die Schneeflocken, so romantisch und schön sie doch sein können, zeigen ihm ihr wahres Gesicht und treffen ihn wie Peitschenhiebe auf den Wangen. Er versucht, den Blick abzuschirmen, etwas zu erkennen. Und der Alkohol im Blut ist bei seiner Laufstabilität nicht gerade förderlich. Trotzdem blitzt immer wieder der rote Stoff auf, wie ein Leuchtsignal, das ihn durch die stürmische See lenkt.

    Als er den Körper erreicht, ist der Stoff vollkommen unter einer dicken Schneeschicht begraben. Doch jetzt besteht kein Zweifel mehr daran, dass vor ihm ein Mensch liegt, denn er sieht die Stiefel eindeutig aus dem Schnee hervorblinzeln. Den behandschuhten Arm. Chad zögert keine Sekunde und geht sofort in die Knie. Er versucht, mit den nackten Händen in dem kalten Schnee den Anfang und das Ende des Körpers auszumachen. Als er schließlich Halt findet, sind seine Finger fast taub. Er beißt die Zähne zusammen und schiebt die Arme unter den Körper, stemmt ihn in die Höhe. Dass es so leicht geht, lässt ihn zum ersten Mal erahnen, dass es sich hierbei um eine Frau oder ein Kind handelt. Als er das Wesen eilig zurück zu dem Motel trägt, kann er nicht darüber nachdenken, dass er vielleicht eine Leiche in den Armen hält. Es hätte für ihn auch nichts geändert. Seine Gedanken kreisen einzig darum die Person ins Warme zu bringen. Da, wo die Standheizung mit ihrem lauten Gebrumme das Zimmer auf einer angenehmen Temperatur hält.

    Die Rezeption ist nicht besetzt, das musste er bereits früh am Abend feststellen, als der Sturm begann. Vermutlich hat der fette Motelbesitzer flink das Weite gesucht und die Gäste dem Tod überlassen. Was, gemessen an den Fahrzeugen auf dem Parkplatz, kaum jemand sein sollte. Doch selbst wenn er es schafft einen Notruf abzusetzen, weiß er nicht wie schnell die Rettungskräfte hier sein werden. Bevor er an so etwas auch nur denken kann, muss er das Bündel in den Armen schleunigst warm bekommen.

    Mit Mühe und Not balanciert er den Körper in den Händen, während er die Tür öffnet und sich dann, so eilig er kann, in das Zimmer quetscht und die Tür mit dem Fuß schließt. Die Wärme des Raumes lässt sein eiskaltes Gesicht brennen. Er atmet schwer, die kalte Luft brennt in der Lunge und er ist für einen Moment vollkommen überrumpelt mit der Situation, in der er sich befindet. Doch Chad wird schnell klar, dass er etwas tun muss. Also läuft er zum Bett und legt den Körper vorsichtig ab.

    Und da sieht er ihr zum ersten Mal ins Gesicht.

    „Heilige, verfickte Scheiße!"

    Die Ernüchterung, dass sie garantiert tot ist, mischt sich mit der Erkenntnis, dass ihr Tod gleichzeitig der größte Verlust der Menschheit ist. Sie ist so ziemlich das Schönste, was er unter dieser Sonne jemals zu Gesicht bekommen hat. Ein zartes, blasses Wesen. Ihre Haare sind aschblond, beinahe vollkommen weiß, als hätte ihr jemand das Leben aus gesaugt. Die Farbe geht nahtlos in ihren Hautton über. Nur ihre geschlossenen Augen sind gesäumt mit schwarzen, langen Wimpern. Die Lippen, so voll sie auch sind, sind bläulich. Ihr Anblick lässt ihn wertvolle Sekunden verstreichen und im Grunde weiß er auch gar nicht, wie lange er sie anstarrt. Erst, als ihr Augenlid zuckt und er glaubt ein, in der Kehle gefangenes, Stöhnen zu vernehmen, reißt er sich los. Sie lebt. Noch.

    Die Verantwortung, dieses zarte Wesen nun am Leben erhalten zu müssen, drückt ihn fast in die Knie. Er vergisst den eigenen Schmerz, die eigene Kälte und Nässe, als sich alle Gedanken nur noch auf sie bündeln. Er muss Wärme in ihren Körper bekommen. Irgendwie. Nur mit Mühe schafft er es, den Blick von ihr loszureißen und sieht sich in dem gammeligen Zimmer um. Es gibt nur eine Dusche hier drin, sonst nichts. Nicht einmal eine Kochnische, wo er ihr ein heißes Getränk machen könnte. In der Rezeption steht ein alter Kaffeeautomat, aus dem aber viel eher eine Ratte, als Kaffee in den Becher fällt.

    „Fuck", murmelt er und greift sich an die Stirn, zieht die schneenasse Mütze vom Kopf. Die Standheizung ist bereits voll aufgedreht, mehr kann er nicht tun. Sein Blick fällt wieder auf ihren regungslosen Körper. Er weiß im Grunde genau, was er tun kann. Und auch, wenn es durchaus ehrenvoll ist, fühlt er sich mies deswegen. Aber was willst du sonst machen? Warten, bis die Kälte sie auffrisst?

    Er öffnet seine Jacke, streift sie von den Schultern. Dann zieht er die Schuhe aus und kickt sie in die Ecke. Sie wimmert leise und ein Verzweiflungsknurren kämpft sich durch den Hals. Als er näherkommt, sieht er, dass sie zu zittern begonnen hat. Ihre Wangenknochen vibrieren, als würden ihre Zähne aneinanderschlagen wie Kolibriflügel. Chad atmet einmal tief ein und aus und beugt sich dann über ihren Körper.

    „Ich weiß, dass wir beide uns noch nicht lange kennen. Ich hoffe, du verzeihst mir das", raunt er, als er beginnt ihren roten Mantel aufzuknöpfen, der vor Nässe trieft. Mühsam schafft er es, sie aus dem Kleidungsstück zu schälen und sie auf die trockene Seite des Bettes zu legen. Sie hat eine weiße Bluse darunter an und eine weiße, schmutzige Jeanshose. Kurz betrachtet er sie. Fuck, sie sieht aus wie ’n Engel! Ihre langen, glatten Haare sind zwar verflucht nass, liegen jetzt aber weich und anmutig um ihre zierlichen Schultern. Chad reißt sich los. Er muss aufhören sie anzustarren und ihr stattdessen das Leben retten. Zu Tode gestarrt, das wäre mal eine Karriere in seinem Leben. Er macht sich an ihren Stiefeln zu schaffen, dann an ihrer Hose und senkt den Blick, als er ihr diese von ihren Beinen zieht.

    „Ich schätze, so schnell hat mich ’ne Frau noch nie rangelassen", sagt er in die Stille des Zimmers, während er sich sein Hemd aufknöpft und dabei schmunzelt. Er hofft, dass sie ihn tatsächlich nicht hören kann. Wenn, dann war es ein verdammt guter Test, denn kaum eine Frau wäre bei der Bemerkung eines wildfremden Kerls, der sie gerade entkleidet, ruhig geblieben. Auch wenn es nur ein Scherz war. Doch in dem engelsgleichen Gesicht vor ihm tut sich nichts.

    Schnell erwägt er, die Jeans anzubehalten, aber sie ist ebenfalls klitschnass, also macht er kurzen Prozess damit. Aus dem Wandschrank holt er noch eine kratzige Wolldecke hervor und macht sich dann an die Arbeit, sie unter die Bettdecke zu bekommen. Als er vorsichtig neben sie gleitet und die zweite Decke über sie legt, zieht er zischend die Luft ein. Sie ist so kalt an seiner nackten Brust, dass sich in Sekundenschnelle eine Gänsehaut auf seinem Körper ausbreitet. Er beißt schnaufend die Zähne zusammen und schlingt die Arme um sie, drückt sie, so gut es geht, an ihn heran. Er hält sie so fest umschlossen, als würden sie gemeinsam in einem Abgrund fallen, presst ihre Wange an den Brustkorb, unter dem sein Herz wie wild schlägt. Es fühlt sich an, als würden sich dort eine Packung Eiswürfel befinden.

    „Du bist mir eine verfluchte Erklärung schuldig, Engel", spricht er leise in ihren Haarschopf hinein. „Was zur Hölle hattest du da zu suchen? Dir ist aber schon aufgefallen, dass die Welt gerade ein ziemlich ungemütlicher Ort ist, hm?"

    Schweigen.

    Chad seufzt und blickt nach draußen. Allmählich wird es dunkel und der Schneeflockenflug lässt sich nur noch deutlich im Schein der Motelbeleuchtung erkennen. Er weiß nicht, ob er lieber den Rettungsdienst rufen soll, aber er hat das Gefühl jetzt unmöglich hier wegzukommen. Außerdem spürt er ihren Atem auf dem Brustkorb, fühlt, wie ihr Körper in seinem Griff wärmer und lebendiger wird. Vielleicht reicht das. Vielleicht braucht es nicht mehr als das.

    Er denkt darüber nach, wie eigenartig sich dieser Augenblick anfühlen sollte. Er war nie der Typ für solche intimen Situationen, auch wenn ihm durchaus bewusst ist, dass das kein typischer Moment zwischen einem Mann und einer Frau ist. Das sind viele Weiber in seinem Leben, doch meistens verlässt er sie nach kurzer Zeit, weil er es nie lange an einem Ort aushält. Er führt das moderne Leben eines Seefahrers. In jeder Stadt eine andere, auch wenn das übertrieben ist. Und nach dem Sex liegt er nie mit ihnen so da, sondern zieht die Shorts an und geht eine rauchen. Hier, mit diesem eigenartigen Wesen im Arm, fühlt sich alles natürlich an. Vielleicht ist das der Grund, warum er keinen Notarzt ruft. Weil es sich so anfühlt, als wenn das so sein muss. Sie genau da hingehört, wo sie sich jetzt befindet und er sie mit seinem eigenen Leben zurück in ihrs holt.

    Vielleicht ist er aber auch nur ein mächtiger Idiot und der Engel stirbt ihm gerade in den Armen weg. Der Gedanke allein lässt ihn die Hände fester um sie schließen und ein erneutes Wimmern entkommt ihrem Mund. Chad erstarrt und lauscht. Er hört ihre Atmung nun ganz deutlich. Sie klingt anders als soeben noch. Auch das Zittern hat wieder angefangen. Dann bewegt sie die Fingerspitzen und er fühlt ihren Wimpernkranz kitzelnd auf seinem Oberkörper. Er atmet nicht, hält die Luft an und starrt auf ihren aschblonden Schopf hinab. Bitte, hau mir nicht vor Schreck in die Eier, betet er still und schluckt trocken. Doch es vergehen stattdessen qualvolle Sekunden, in denen rein gar nichts geschieht.

    „Danke."

    Er ist über dieses eine Wort dermaßen überrascht, dass er das Gesicht ungläubig verzieht und sie fast gebeten hätte, es zu wiederholen. Sie wacht in den Armen eines halbnackten, wildfremden Kerls auf und bedankt sich auch noch? Ja, streng genommen hat sie allen Grund dazu, aber das kann ihr doch nicht so schnell klar geworden sein?

    „Kein Ding." Die Gleichgültigkeit seiner Stimme, lässt ihn beinahe laut lachen. Das hier ist absurd. Auf so vielen, unterschiedlichen Ebenen. „Geht’s … wieder einigermaßen?"

    „Mir ist kalt."

    Chad lächelt. Ihre Stimme ist so sanft und zerbrechlich wie ihre Erscheinung, aber sie spricht mit einer solchen Bestimmtheit, als würden sie gerade nicht in einer absolut eigenartigen Situation stecken. Er will etwas darauf erwidern, als sie sich bewegt und den Kopf hebt. Ihr Körper ist noch immer wesentlich kälter als seiner, aber das Gefühl einen Eiswürfel zu umarmen, ist verschwunden. Es wäre sowieso irrelevant geworden, als er ihr in die Augen blickt, weil er schlagartig jeden Gedanken vergisst. In dem Dämmerlicht der spärlichen Nachttischbeleuchtung sind ihre Augen kohlrabenschwarz. Er weiß nicht, was er erwartet hat, aber der Blick, lässt sein Herz schmerzhaft zusammenziehen. Sie ist noch hübscher, als er dachte. Er müsste ihr Angst machen mit all den Tätowierungen, die sich sogar den Hals hinaufziehen, und den harten Gesichtszügen. Doch allem voran wirkt sie nur neugierig. Ihr Blick ist noch immer träge, als sie ihn damit erkundet und ansonsten still an seiner Brust liegt, als hätten sie gerade ganz andere Dinge getan. Chad spürt, dass er den Atem anhält und der Drang zu schlucken, ihn in den Wahnsinn treibt.

    „Du hast mir das Leben gerettet." Das stellt sie ohne Verwunderung in der Stimme fest.

    „Ja … was das angeht. Gab’s einen speziellen Grund dafür, dass du dich da draußen von der Wintersonne bräunen lassen wolltest?"

    „Ja", antwortet sie schlicht und lächelt leicht. Kleine Grübchen zeichnen sich in ihren blassen Wangen ab und sein Herz zieht sich krampfhaft zusammen. Erneut. Irgendwann wird sie mal mein Ende sein, denkt er unkontrolliert, und dann werde ich mit einem verfickten Lächeln abtreten.

    Als er bemerkt, dass sie nichts sagen wird, um ihre Lage weiter zu erklären, lacht er heiser auf. „Okay, dann nicht. Dachte nur, ich mach diese Situation durch ein Gespräch etwas weniger eigenartig."

    „Was machst du hier so allein? Am Heiligabend?", fragte sie.

    Er starrt sie für einen Augenblick an und presst die Lippen aufeinander. Doch er braucht sich nichts vormachen. Sie wird die Wahrheit in seinen Augen lesen können und er will sie gar nicht belügen. Vermutlich ist sie der erste Mensch in seinem Leben bei dem das zutrifft.

    „Mein Dad ist vor exakt einem Jahr gestorben, nachdem ich ihm zwei Tage zuvor das erste Mal traf. Schätze, dass ich hier bin, um mir selbst leidzutun. Ihm nah zu sein. Er wohnte in Montana, nicht weit von hier."

    „Das tut mir leid", haucht sie und tatsächlich erkennt er ungetrübten Schmerz in ihren melancholischen Augen.

    „Ich hab das noch nie jemandem erzählt." Chad starrt zu der vergilbten, von jahrelangem Zigarettenkonsum geprägten, Decke hinauf. „Ich bin ein Nomad. Ein Reisender, der mehr auf der Straße ist, als in einem Haus. Das ist mein Leben und ich wollte nie etwas anderes. Für mich gab’s nie ein Ziel, weil der Weg das Ziel war. Und dann …" Er bricht kurz ab und zieht nachdenklich die Augenbrauen zusammen. „… keine Ahnung. Schätze, ich hab mir was vorgemacht. Ich wollte diesen Weihnachtsscheiß mit meinem Dad. Mit einem fetten Braten und all den Lichtern in der Dunkelheit. Nur einmal im Jahr wollte ich wirklich nach Hause kommen."

    Sie sagt nichts und wäre ihr zierlicher Körper nicht weiterhin an seinen halbnackten gepresst, hätte er Angst, dass sie in seinen Armen verschwindet wie eine Fata Morgana. Sie ist noch immer kühl und ihn beschleicht der Verdacht, dass sie wohl nie ihn wärmen wird, sondern nur er sie. Doch das wäre okay. Das wäre echt verflucht okay. Chad späht zu ihr hinab. Sie hat nun die Hand auf seine Brust gelegt, ihr Kinn darauf und starrt ihn verstohlen an. Ihr Anblick lässt ihn schmunzeln.

    „Scheiße, wer zur Hölle bist du?"

    „Mary."

    „Mary. Ernsthaft?"

    Sie nickt mit dem Kinn auf der Hand, zieht vorsichtig den Mundwinkel in die Höhe.

    „Und was treibst du hier? Warum lagst du da draußen? Woher kommst du? Was …"

    Weiter kommt er nicht, denn als wäre es das Einfachste der Welt, stemmt sie sich nach oben und legt ihre Lippen auf seine. Ein kühles, weiches Bett empfängt ihn, samt der eiskalten Spitze ihrer Nase an seiner. Das ist das Erste, was er bewusst wahrnimmt, bevor sein Körper realisiert, was hier gerade passiert. Innerhalb eines Herzschlages verpuffen sämtliche Fragen im Kopf zu Rauchwolken und übrig bleibt nur sie. Um sicherzugehen, dass sie sich ihm nicht sofort wieder entzieht, umschließen seine Hände ihr Gesicht. Natürlich würde er sie freigeben, wenn sie sich zurückzieht, aber selten zuvor hofft er, dass das nicht geschieht.

    Er muss ein frustriertes Knurren unterdrücken, als sie, ohne jede Bewegung mit ihrem Mund ausgeführt zu haben, den Kopf nach hinten zieht und ihn anstarrt. Es ist etwas Farbe in ihr Gesicht zurückgekehrt und wenn ihn nicht alles täuscht, legt sich gerade ein rosa Farbschleier auf ihre Wangen. Chad kann nicht aufhören daran zu denken, dass sie das eigenartigste, wunderschönste Wesen ist, das er jemals gesehen hat. Und als er den Gedanken fasst, ziehen seine Hände sie ganz automatisch wieder an sich heran.

    Dieses Mal küsst er sie. Keine zaghafte Berührung, die wie zufällig erscheint und nur dazu da ist, ihn zum Schweigen zu bringen. Er küsst sie bewusst, voller Faszination und Hingabe. Und jedes Mal, wenn er spürt, wie sich ihre Lippen gegen seine drücken, wie sie das ebenso will, schäumt eine Form des Glücks in ihm auf, die ihm bislang neu war. Er wird gierig, will sie besitzen und nie wieder verlieren. Dem letzten Wunsch ist es zu verdanken, dass er sie nicht augenblicklich zur Seite wirft und tut, was er normalerweise mit ihr getan hätte. Es ist eine neue Erkenntnis für ihn, dass es eine Form der vollkommenen Befriedigung ist, die nur darin besteht eine Frau zu küssen. Ansonsten kann es ihm nicht schnell genug gehen, aber hier und jetzt, will er nicht, dass es jemals endet. Seine Hände krallen sich in ihr samtenes Haar und er lauscht auf die Geräusche, die sie dabei macht.

    Als er sich von ihr löst, um den wabernden Nebel im Kopf zu beseitigen und um zu realisieren, was hier gerade geschieht, ist sie es, die enttäuscht wirkt. Zufrieden stellt er fest, wie heiß es unter der Decke geworden ist und keine Faser ihres Körpers mehr zu frieren scheint. Sie macht keine Anstalten sich zu holen, was sie offensichtlich von ihm will, und blickt ihn stattdessen, schwer atmend, an.

    „Wer zur Hölle bist du nur?", raunt er mit belegter Stimme.

    Sie lächelt und hält den Blick. Im nächsten Moment legt sie sich zurück auf seinen Brustkorb, doch dieses Mal noch näher. Ihre Arme schlingen sich um seine Taille, das Bein schiebt sie zwischen seine. Sie klammert sich förmlich an ihn und er hält sie, während sich die Atmung stabilisiert. Sein Blick klebt an der Decke, huscht da nervös hin und her, als er versucht, sich die letzten Minuten irgendwie sinnvoll zu erklären. Doch egal was er tut, es scheint im Grunde keine Rolle zu spielen. Sie hier, in seinen Armen, fühlt sich an wie Balsam für die Seele. Er beginnt es nicht mehr in Frage zu stellen, sondern lässt einfach los. In dieser Position schließt er die Augen und kommt endlich zur Ruhe. Er hält sie fest, doch mit der Zeit lockert sich sein Griff und sein Bewusstsein driftet langsam ab. Sein Schlaf ist tief und wohltuend, sodass er in keiner Sekunde erwacht. Als er am nächsten Morgen die Augen aufschlägt, begreift er zwei Dinge. Dass er sich noch nie zuvor so gut fühlte.

    Und dass Mary spurlos verschwunden ist.

 

 

„Ist das ’n verfickter Scherz?", knurrt Nash, sichtlich mitgenommen.

    Chad schmunzelt nur und nimmt die Flasche entgegen, die zwischenzeitlich nicht zum ersten Mal wieder bei ihm gelandet ist.

    „Nope", antwortet er und trinkt einen Schluck. Die anderen Brüder starren ihn mit offenen Mündern an.

    „Du warst high, was? Hast dir am Abend ordentlich einen durchgezogen." Blake lehnt sich mit einem triumphierenden Lächeln zurück, als habe er damit das Rätsel gelöst.

    „Nicht, dass ich wüsste."

    „Und wenn’s so war, hast du danach nicht nach ihr gesucht?", fragt Ezra neben ihm verwirrt.

    „Wenn sie das gewollt hätte, dann hätte sie mir mehr gesagt als nur ihren Namen."

    „Du bist der größte Idiot, der jemals unter dieser Sonne gelebt hat." Nash schüttelt verständnislos den Kopf. Chad sieht hinüber zu Ronan. Der Ire hat sich bislang an dem Gespräch noch überhaupt nicht beteiligt und sitzt entspannt, das Bein auf dem Knie abgestützt da. Er mustert ihn und als er Chads Blick bemerkt, zieht er den Mundwinkel in die Höhe. Sagen tut der schweigsame Biker jedoch nichts. Dann blickt er zum Fenster hinaus.

    „Es hat aufgehört zu schneien", sagt Ronan.

    „Dann bekommt deine Old Lady vielleicht doch noch ihren Baum, was Ezra?" Nash stößt ihm in die Rippen und erhebt sich dann mit dem Stöhnen eines, in die Jahre gekommenen, Bikers.

    „Ja, lass uns verdammt noch mal schnell machen, bevor’s dunkel wird. Ich hab keine Lust noch länger mit euch hier festzusitzen und mir anzuhören, wie der Nomad sein Leben verhunzt hat." Blake schüttelt noch immer fassungslos den Kopf und erhebt sich ebenfalls zu seiner hünenhaften Größe. Chad schmunzelt und tauscht einen Blick mit Ronan, während Ezra, Nash und Blake sich ihre Jacken und Mützen anziehen.

    Draußen ist die Welt tatsächlich zu einem beinahe andächtigen Stillstand gekommen, als bewunderte sie ihr neues Gewand. Schnee liegt auf den Baumstämmen und Ästen, rieselt manchmal hinab, als sich diese bewegen. Ansonsten ist es still. Kein Motorenlärm, keine knackenden Stöcke unter den Füßen. Chad zieht die frische, gesäuberte Luft in seine Lunge und fühlt, wie die Kälte in der Nase prickelt. Er schließt kurz die Augen und lächelt.

    „Was is, Nomad? Hilfst du uns noch, den Baum zu schlagen?" Blake stößt ihn von der Seite an.

    „Lass mal. Ich muss los. Es sind nur noch fünf Tage bis Weihnachten." Er zieht den Reißverschluss bis zum Kinn und die Mütze bis über die Ohren, dann wirft er einen schmunzelnden Blick in die Runde verwirrter Biker und nickt ihnen zum Abschied zu. Seine Füße knirschen auf dem frischen Schnee.

    „Hey! Wohin zur Hölle willst du?", brüllt ihm Nash hinterher.

    Chad dreht sich um. „Nach Hause." Dann geht er weiter, stellt den Kragen der Jacke aufrecht und steckt die Hände in die Tasche.

    „Ich raff’s nicht", hört er Blake hinter ihm sprechen. Sein Mundwinkel zuckt verdächtig, doch er stampft unbeirrt durch den Schnee.

    „Er ist ein Nomad, die Straße ist sein Zuhause. Aber einmal im Jahr kommt er tatsächlich auch Zuhause an", erklärt Ronan mit seiner tiefen, ruhigen Stimme.

    „Dachte er hat kein Zuhause", mischt sich Nash verwirrt ein.

    „Kommt schon, so schwer ist das nicht zu begreifen." Ronan seufzt genervt und Chad versteht ihn nur noch ganz leise, wie eine Unterhaltung in einem Nebenzimmer. „Zuhause ist kein Ort. Zuhause ist der Mensch, der da auf einen wartet. Und auf ihn scheint jemand zu warten, vermutlich an der gleichen Stelle und am gleichen Tag, wie das letzte Mal."

Für einen Moment herrscht Schweigen und Chad glaubt, seine Brüder nicht mehr sprechen zu hören, bis schließlich ein letztes Mal eine Stimme ertönt. Weit entfernt und beinahe kaum verständlich.

    „Na dann", brummt Blake resigniert. „Mary Christmas."

 


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